Sonntag, 06 Juli 2014 18:25

Kampf dem Katzenjammer in den Kommunen

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Aus dem Stader Tageblatt vom 05.07.2014

LANDKREIS. Die liebsten deutschen Haustiere – Hund und Katze – sind stets auch als Ausgangspunkt für Diskussionen gut. Nachdem in Niedersachsen alle Hunde zentral registriert werden mussten, sind jetzt die Samtpfoten ins Visier der Kommunen gerückt. Im Landkreis Stade wird seit Monaten vielerorten über eine sogenannte Katzenschutzverordnung oder eine Kastrations- und Registrierungspflicht diskutiert. Entsprechende Änderungen in der Kommunalverordnung haben bisher die Samtgemeinde Apensen und die Samtgemeinde Nordkehdingen umgesetzt. In der Hansestadt Stade gibt es eine Sonderregelung – ein Überblick.

Allen vorweg sind es die Tierschützer, die eine Kastrationspflicht für Freigängerkatzen fordern. Sie wollen die Ursache für das Elend vieler Katzen beseitigen und nicht länger die Symptome behandeln. Es geht um Katzen, die sich unkontrolliert fortpflanzen und unter erbärmlichen und tierschutzwidrigen Umständen ihr Leben fristen müssen. Einige der „Streuner“ und „Fundtiere“ landen beim ehrenamtlich tätigen Tierschutz, doch der ist mit der Anzahl der Katzen längst überfordert. Die Spenden können nicht mehr die Kosten decken und auch die Weitervermittlung gestaltet sich schwierig. Es droht eine Überpopulation, so die Tierschutzorganisation Peta, die das Problem mit Zahlen belegt: Eine einzige Katze und ihre Nachkommen könnten potenziell in nur sieben Jahren für weitere 420 000 Katzenbabys sorgen.

Im Kreis Stade wandte sich Cornelia Haak von der „Initiative Katzenschutzverordnung Landkreis Stade“ bereits mehrfach an „alle verantwortlichen Politiker, sich dem Thema zu stellen und die Kastrations- und Registrierungspflicht für Freigänger-Katzen einzuführen“. Sie darf Prof. Dr. Theo Mantel, Präsident der Bundestierärztekammer, hinter sich wissen: „Wir haben uns seit Jahren für eine bundeseinheitliche Kastrationspflicht für Katzen stark gemacht. Im neuen Tierschutzgesetz wurde endlich eine Rechtsgrundlage für Länder geschaffen, die Kastrationsgebote und Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht unter bestimmten Voraussetzungen ermöglicht“, so Mantel in einer schriftlichen Mitteilung. Aus seiner Sicht hätten Städte und Gemeinden damit die Möglichkeit, gezielte Maßnahmen „zur Verhinderung von weiterem Katzenelend“ zu ergreifen. In mehr als 250 deutschen Kommunen ist es bereits Pflicht, Katzen kastrieren und kennzeichnen zu lassen, davon 169 in Niedersachsen.

Doch einige Politiker stören sich bei der Änderung im Tierschutzgesetz an der Formulierung „Ermächtigungsgrundlage für die Landesregierungen“. Sie sehen keinen Handlungsbedarf auf der Städte- und Gemeindeebene, sondern bei der Landesregierung. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) antwortete auf eine entsprechende Kleine Anfrage im Landtag: „Die Landesregierung strebt den Erlass einer auf § 13 b TierSchG (siehe Infokasten) basierenden Landesverordnung an. Als vorgeschaltete Maßnahmen werden unter anderem Kastrationsaktionen bei frei lebenden Katzen, Aufrufe zur freiwilligen Beschränkung des Auslaufs bei Hauskatzen und die freiwillige Kastration von Freigänger-Katzen befürwortet.“ In diesem Zusammenhang finanziere das Fachministerium derzeit ein Projekt zur Kastration und Kennzeichnung frei lebender Katzen, das vom Deutschen Tierschutzbund Landesverband Niedersachsen durchgeführt wird und eine Übersicht über die Situation und Anzahl frei lebender Katzen in Niedersachsen ermöglichen soll. Diese Daten seien zur „Festlegung bestimmter Gebiete“ nach § 13 b notwendig. Auch die Veterinärämter seien bereits im Rahmen einer Dienstbesprechung informiert worden, dass diesbezügliche Daten gesammelt werden sollen.

Eine feste Regelung setzt die Zuordnung eines Tieres zu Halterin oder Halter voraus. „Um die Zahl der registrierten Katzen amtlich erfassen zu können, muss es sich um ein landesweit zentrales, amtliches Register handeln“, so Meyer weiter. Die durch den Betrieb des amtlichen Registers entstehenden Kosten wären – vergleichbar dem niedersächsischen Hunderegister – über Gebühren zu finanzieren. Doch so weit ist es noch nicht.

Der Deutsche Tierschutzbund hat sich klar positioniert: „Katzenschutzverordnung – Jetzt!“, heißt seine Aktion. Krank und abgemagert würden viele frei lebende Katzen täglich ums Überleben kämpfen. Das Elend würde es nicht geben, wenn Tierhalter ihre Katzen kastrieren ließen, so die Überzeugung des Tierschutzbundes. Die Tierärztekammer Niedersachsen rechnet vor: „Eine einzige Kätzin hat nach zwei Jahren über 30 Nachkommen.“

Hunger, Infektionskrankheiten und massiver Parasitenbefall gehörten zum traurigen Alltag frei lebender Katzen, die bei vielen Menschen Mitleid und den Wunsch erwecken, zu helfen, heißt es schriftlich von der Tierärztekammer. Füttern allein sei keine Hilfe, sondern „kurzsichtig und Wegbereiter für noch größeres Katzenleid“: Es würden immer mehr Tiere angelockt, die sich „dank“ der Fütterung noch besser fortpflanzen könnten. Territorialaggressionen, die zu Verletzungen und Übertragungen von Krankheiten führen, seien die Folge. Der Stress untereinander wachse ständig, schwäche das Immunsystem und mache krank.

Und die steigende Katzenpopulation hat noch andere Folgen: Auch die Ornithologen schlagen Alarm. In einem Bericht, der über die Deutsche Presseagentur verbreitet wurde, mahnte Peter Berthold, langjähriger Leiter der Vogelwarte am Max-Planck-Institut im Kreis Konstanz, vor dem Aussterben von Vogelarten durch Katzen. Er verwies auf eine Studie aus den USA, wonach eine Katze knapp 40 Vögel im Jahr erbeutet.

In Deutschland liegt die Statistik darunter: Bei acht Millionen Katzen, davon zwei Millionen verwilderter Tiere, die sich selbst ernähren müssten, werden demnach pro Jahr 50 Millionen Vögel durch Katzen getötet. Das wären im Schnitt sechs Vögel pro Katze. Doch weil sich durch die intensive Landwirtschaft mit hohem Anteil an Mais der Lebensraum für seltene Vogelarten einschränkt, wandern einige Arten inzwischen in Gartengebiete ein. Hier treffen diese dann verstärkt auf Hauskatzen. Somit sind unter Umständen nicht mehr nur wie früher die häufigsten Vogelarten betroffen, die eine Reduzierung ihrer Art besser verkraften könnten, sondern auch vom Aussterben bedrohte. Vor allem Jungvögel werden gefangen, da sie leichte Beute sind. Berthold schlug vor einem Jahr eine Katzensteuer vor, um mehr Geld in den Vogelschutz zu investieren, was damals zu einer heißen Diskussion führte.

Quelle: Stader Tageblatt vom 06.07.2014

 

Das Thema Kastration im Kreis Stade

Apensens Samtgemeinderat beschließt „Katzengesetz“: Freilaufende Hauskatzen müssen kastriert und gekennzeichnet werden. Buxtehuder Rat lehnt Kastrationspflicht für Katzen ab. Es gebe kein Katzen-Problem. Eine Satzung hätte Kosten von 30 000 Euro im Jahr verursacht, im Notfall könne die Stadt auch so zur Gefahrenabwehr tätig werden. Drochtersen lehnt die Kastrations-Satzung vorerst ab, die Gemeinde will zunächst die entsprechende Rechtsverordnung der Landesregierung abwarten. In der Samtgemeinde Nordkehdingen soll eine Kastrationspflicht für Katzen eingeführt werden. Horneburger Samtgemeinderat lehnt eine Kastrations- und Registrierungspflicht für Freigänger ab. Der Antrag auf Registrierungspflicht in der Samtgemeinde Harsefeld ist vertagt. Freilaufende Katzen müssen in der Samtgemeinde Lühe noch nicht kastriert und gekennzeichnet werden, die Rechtslage der Verordnungen sei unsicher. In der Hansestadt Stade gilt diese Regelung: Wer ein Tier hält, hat zu verhindern, dass dieses außerhalb seines umfriedeten Besitzes unbeaufsichtigt umherstreift. Dieses gilt nicht für kastrierte Katzen.

§ 13 b TierSchG

Durch Artikel 1 des Gesetzes vom 4. Juli 2013 (BGBl. I S. 2182) ist das Tierschutzgesetz (TierSchG) i. d. F. der Bekanntmachung vom 18. Mai 2006 (BGBl. I S. 1206) durch Einfügung eines § 13 b um eine Ermächtigungsgrundlage für die Landesregierungen zum Schutz frei lebender Katzen ergänzt worden: „Die Landesregierungen werden ermächtigt, durch Rechtsverordnung zum Schutz frei lebender Katzen bestimmte Gebiete festzulegen, in denen 1. an diesen Katzen festgestellte erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden auf die hohe Anzahl dieser Tiere in dem jeweiligen Gebiet zurückzuführen sind und 2. durch eine Verminderung der Anzahl dieser Katzen innerhalb des jeweiligen Gebietes deren Schmerzen, Leiden oder Schäden verringert werden können.
Quelle: Stader Tageblatt vom 06.07.2014

 

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